09.05.2019
Predigt von Regionalbischöfin Pfrn. Dr. Friederike F. Spengler zur Eröffnung der Landessynode am 09. Mai 2019

Joh 10,11ff

Liebe Weggefährten – Schwestern und Brüder in Christus,

der Radweg führt direkt an der Weide vorbei. Etwa 80 große und kleine Schafe leben hier. Die Lämmer springen umher, stoßen ihre Nasen in die Euter der Muttertiere, hungrig nach Milch. Wer gerade verdauen muss, liegt in der Sonne und lässt einfach die Wolle wachsen: ein Ort des Friedens. Am Gatter drängt sich heute eine Kindergartengruppe. Ein Kind steht direkt neben mir. Es sieht zu, wie ich fotografiere, dann spricht es mich an: „Wo ist denn der Hirte von den Schafen?“. „Keine Ahnung.“, sage ich. „Was meinst du?“ „Die brauchen vielleicht keinen Hirten“, stellt das Kind fest, „die haben doch einen Zaun um ihre Weide. Da kann kein Schaf weglaufen und die Lämmer sind geschützt. Das hat uns unsere Erzieherin erklärt.“ „Hm“, sage ich, „und wenn das Gras weggefressen ist, dann haben die Schafe vielleicht Hunger?“. Das Kind überlegt. „Dann kommt bestimmt mal ein Hirte vorbei und füttert die.“ „Ach so“, sage ich, „aber dann brauchen sie wohl doch einen Hirten?“ „Ja“, sagt das Kind, „ich glaub schon.“ „Wärst du denn gern eines der Schäfchen?“, frage ich das Kind. Das Kind muss ein wenig nachdenken und schaut immer wieder auf die Schafherde. „Also so eine Zeit lang, das wäre lustig. Schau mal, wie die Lämmer miteinander spielen. Aber dann würde es mir langweilig, immer hier sein und nicht aus dem Gatter heraus zu können.“ „Und wenn der Hirte dabei wäre?“, bohre ich nach. „Dann könnte der mit den Schafen spazieren gehen und ihnen die Welt zeigen.“ sagt das Kind und läuft zu seiner Gruppe zurück. Es dreht sich noch einmal um und ruft. „Tschüss! Und wenn der Hirte kommt, dann kannst du mir Bescheid sagen, ja?“

Reinrufer 1“: Also ich -  ich weiß ja nicht, ob ich ein Schaf sein will. Du etwa?
Reinrufer 2“: Na jedenfalls kein dummes!
Reinrufer 3“: Aber im Ernst: Ist dieses Bild nicht einfach überholt?
Reinrufer 4“: Wer will sich schon wie ein Schaf irgendwohin führen lassen?
Reinrufer 2“: Und weiß am Ende nicht, wo er ankommt! Man muss doch wissen, wohin die Reise geht!
Reinrufer 3“: Und immer hübsch zusammenbleiben…
Reinrufer 1“: Ich glaub, ich bin kein Herdentier!

Christus spricht „Ich bin der gute Hirte! Meine Schafe hören meine Stimme.  Ich bin die Tür zum Schafstall. Ich kenne meine Schafe. Ich lasse mein Leben für sie. Ich gebe ihnen das ewige Leben. Ich und der Vater sind eins.“ Mit kurzen, prägnanten Sätzen setzt Jesus seine Bildrede ins Leben.  Eindeutig. Stark. Schnörkellose Bestimmtheit: „Ich bin der gute Hirte.“

Kein Zweifel: Der hier spricht, der weiß, was er sagt und der weiß, wem er es sagt – Menschen, die dieses Bild kennen. Gut kennen. Von Romantik keine Spur. Nichts von murmelnden Bächlein zwischen Klee und Sauerampfer. Kein Sonnenuntergang mit Schäfchenwolken und einem Hirten, der Pfeife-rauchend seinen Gedanken nachhängt. Die Hörer und Leser des Johannesevangeliums wissen vielmehr um die Alltagstauglichkeit dieses Bildes: Gnadenlose Hitze, dürre Steppen, steinige Pfade, gefährliche Schluchten. Der Staub und der Schweiß des Tages, der sich mit dem Geruch der Schafe verbindet. Hirte-Sein ist Knochenarbeit. Jesus spricht nicht von irgendeinem Hirten, sondern spricht von sich selbst als DEM GUTEN HIRTEN. Er stellt sich als der Hirte vor, der sich mit Haut und Haar, Leib und Seele seinen Schafen verschreibt. Er begleitet und geleitet seine Herde in die Welt. Er weicht nicht von der Seite der Schafe, wenn es durch finstere Täler geht. Er steht mit seinem Leben ein, wenn seiner Herde Widrigkeiten, Anfeindungen, Spott und Verfolgung wie Wölfe anfallen. Hier, mitten hinein in die Welt, in der der Mensch des Menschen Wolf ist, gehören die Schafe seiner Weide. Und der gute Hirte geht mit. Und wo sie zur Schlachtbank geführt werden, ist er der Erste, der für die Seinen stirbt.

Das Bildwort vom guten Hirten und den Schafen ist für uns heute nicht mehr unmittelbar zugänglich. Und als hätte der Evangelist Johannes das bereits geahnt, nimmt er deshalb einen längeren Anlauf: Er stellt Jesus, den guten Hirten erklärend in die große Heilsgeschichte Gottes, mitten hinein in die Reihe der maßgeblichen Hirtengestalten des Ersten Testamentes. Da ist der Hirte Abraham, der Vater des Glaubens. Da ist der Hirte Mose, der Herausführer des jüdischen Volkes. Da ist David, der Hirtenknabe und kommende König von Israel. Aus dieser  Linie, so ist sich das Volk Israel sicher, wird der Messias kommen. Und so war  es dann auch folgerichtig, dass die Verkündigung der Geburt dieses Messias zuerst  an Hirten erfolgte. Die Weihnachtsgeschichte erzählt davon.  Als der Messias erwachsen ist, erweist er sich wiederum  als Hirte. Nun aber ganz unvergleichlich als der einzig GUTE Hirte, als DER GUTE HIRTE.

Das Gegenbild vom guten Hirten ist der Mietling. Ihm gehören die Schafe nicht, er ist nur zum Zwecke der Beaufsichtigung unter Vertrag genommen. Wenn wilde Tiere den Schafen ans Leben wollen, rettet sich der Mietling zuerst selbst.  Bricht etwa ein Wolf in den Schafstall ein, sind die Schafe sich selbst überlassen. Sie sind in ihren eigenen vier Wänden gefangen. Der Mietling kennt auch die Schafe nicht, weiß nichts von ihren Einzigartigkeiten, ihrer unverwechselbaren Besonderheit. Es kümmert ihn nicht, wenn eines von ihnen lahmt oder eins im Schatten des Lebens verloren geht. Mit solchen Mietlingen geht Jesus in seiner Rede ins Gericht: Es hat sie immer gegeben, in den Religionen und Kirchen der Welt, in Politik und Wirtschaft. Mietlinge retten ihre Erbärmlichkeit, ihren Ruf und ihr Geld. Und das tun sie immer wieder - auf Kosten der Herde natürlich: „und sieht der Mietling den Wolf kommen, verlässt er die Herde und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie“. Wer solchen Mietlingen vertraut, wird bestenfalls tief enttäuscht, schlimmstenfalls bezahlt er sein Vertrauen mit dem Leben. Es reicht schon der Blick auf unser Land und einem fallen an so vielen Stellen selbsternannte oder eingekaufte Hirten ein! Da heißt es genau hinhören und die die Stimme des GUTEN Hirten zu erkennen! Und sich nicht einlullen lassen von den Mietlingen, die uns durch bequeme Wahrheiten (also ob die Wahrheit bequem sein könnte!) auf Abwege führen wollen…

„Christus spricht: Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater und ich lasse mein Leben für die Schafe.“ Dieser gute Hirte ist nicht Selbstzweck, sondern Hirte in der Bestimmung zur Herde, seiner Gemeinde. Durch ihn und sein Hirte-Sein, können die Schafe, kann die Herde leben. Es gehört zum Wesentlichen dieses Textes: Dass der Hirte die Seinen kennt. Gerade im Zusammenhang mit den Geschichten und Gleichnissen vom Himmelreich ist doch genau dies entscheidend: Von Jesus gekannt zu werden! „Es kennt der Herr die Seinen und hat sie stets gekannt, die Großen und die Kleinen in jedem Volk und Land. Er lässt sie nicht verderben, er führt sie aus und ein, im Leben und im Sterben sind sie und bleiben sein.“, heißt es im Choral von Philipp Spitta. Der gute Hirte sieht voraus, hat das Ziel im Blick und setzt alles daran, die Herde gut an sein Ziel zu bringen. Er kennt die Oasen und Rastplätze am Weg und führt zur richtigen Zeit die Durstigen zur Quelle und die Hungrigen auf die Weide. Und die besonders vom Leben Gebeutelten, die nimmt er auf seine Schultern und trägt sie, bis sie wieder zu Kräften gekommen sind.

Jesus will unser guter Hirte sein. Er weiß um unsere tiefe Schwachheit, unsere Angst, selbst feige zu sein, wenn wir Zeugen unserer Hoffnung sein sollen. Er ist es, der nicht müde wird, immer wieder den Kontakt zu uns zu suchen.  Er spricht uns mit der Stimme an, die wir erkennen: liebevoll und zugewandt, ausrichtend und bestärkend, aber auch in verantwortungsvoller Zurechtweisung. Keine Herdentiere, sondern seine geliebten Geschöpfe, direkt angesprochen und persönlich gemeint. Die Stimme des Hirtens tut uns gut, richtet uns aus, gibt uns Rückenwind.

Dieser Hirte Jesus Christus ist Maßstab für alle, die leiten und führen, ja, er allein ist der GUTE HIRTE. Alle Hirtenämter sind von ihm abgeleitete Dienste, eingesetzt und gebunden an ihn.

Liebe Schwestern und Brüder, wir sind die Herde des guten Hirten! Bei ihm zu bleiben, verspricht eine Zukunft. Sich von ihm leiten zu lassen, verspricht Leben in Fülle.

Und gleichzeitig sind wir Schafe der einen Herde, aufgefordert, nach seinem Vorbild zu handeln und Hirtenaufgaben zu übernehmen. Ihr alle, die ihr hier sitzt, seid gewählt, Aufgaben in der Leitung der Kirche Jesu Christi auszuüben: Ich sollt Euch von dem einzig guten Hirten die Richtung zeigen lassen. Ihr sollt als Schafe seiner Weide unterwegs sein: indem Ihr Euch vom Hirten in den Dienst nehmen und ausrichten lasst auf den Weg des Frieden!

Ich vertraue darauf: Wenn wir als Herde des einen guten Hirten unterwegs sind, wenn wir unsere Hirtenfunktionen allein von diesem Hirten ableiten, dann werden wir auch neu zueinander finden! Keiner achte sein Amt höher als das des anderen, sondern vielmehr achte Jeder den Anderen höher als sich selbst. Die Bibel nennt das „Demut“ – ein wunderbar-altmodisches Wort, eine Tugend, die leider Gottes rar geworden ist. Der gute Hirte ist auch im Üben von Demut ein Vorbild…

Wir alle bleiben aber zeitlebens auch Herde! Das Herde-Bleiben und sich gleichzeitig auch fürs Leiten und Führen rufen lassen, gehört zum Besonderen kirchenleitender Aufgaben. Solche Leitung kann und soll in ganz unterschiedlicher Weise und in der Vielfalt der Begabungen und Ämter geschehen. Dabei diene einer dem anderen mit dem, was er von Gott bekommen hat. Ich stelle mir vor, wie viel deutlicher und kraftvoller, überzeugender und nachhaltiger die Verkündigung der Liebe Gottes vor aller Welt wäre, wenn wir unsere Diskussionen, Beschwerden und Streitpunkte als solche führen würden, die den Anderen höher achten, als sich selbst… Der gute Hirte leitet uns zu Demut an.

Liebe Weggefährten, Christus, der gute Hirte spricht täglich zu uns. Seine Anrede von uns strotzt vor Liebe und Trost, wenn er sagt: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das wenige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.“  Das soll mein Glaube sein! Amen


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