Aufwachen

Wir haben in unserer Familie einen alten Geburtstagsbrauch. Wer Geburtstag hat, bleibt morgens im Bett liegen und darf sich noch einmal auf die andere Seite drehen. Oder er spitzt die Ohren, ob sich in der Wohnung schon etwas tut. Bis es vor der Tür raschelt und sie sich öffnet. Die Gratulanten stehen mit der brennenden Taufkerze in der Tür und singen ein Ständchen. Unsere Kinder haben das, als sie noch klein waren, sehr geliebt. Da klingelt kein Wecker. Keiner sagt: „So, jetzt aber endlich aufstehen!“ Sondern: ein Lied, Stimmen. Ganz sanft und ganz fröhlich.

Die englische Königin Queen Elisabeth II. hat dafür wahrscheinlich auch etwas übrig. Bei ihr ist jeden Morgen Geburtstag. Denn da steht vor ihrem Fenster ein Offizier der königlichen Garde und musiziert auf dem Dudelsack. Genau eine viertel Stunde lang. Ich stelle mir vor, wie sie dazu noch im Bett liegt und die Augen schließt. Kaum ist der letzte Ton verklungen, richtet sie sich auf. Sie angelt mit den Füßen nach ihren Pantoffeln und setzt sich zu Prinz Edward an den Tisch. Dort wartet auf sie schon ihre obligatorische Schüssel Cornflakes.

Dudelsackmusik ist nicht gerade jedermanns Sache. Aber wunderbar ist es, die Augen aufzuschlagen und Musik zu hören. Denn wo Musik erklingt, da fühle ich mich wie im Himmel. Ich gehe gut gelaunt in den Tag und freue mich auf die Menschen, denen ich heute begegnen werde.

Findet Hans-Jürgen Kant, Superintendent in Halle