Emanuel

An einem Dienstag habe ich ihn kennengelernt. Emanuel. Er lebt im Pfarrhaus bei Familie Mang’ulisa. Zuerst habe ich ihn für einen Sohn des Pfarrers gehalten. Das stimmt aber nicht ganz. In der ersten Gemeinde, in der der Pfarrer tätig war, lebte Emanuel mit seiner Familie. Beide Eltern sind gestorben, und niemand war da, der sich um den kleinen Jungen kümmern konnte. Kurzerhand nahm ihn die Familie des Pfarrers bei sich auf wie einen Sohn. Emanuel ist kein Einzelfall. Ich habe einige Pfarrfamilien auf meiner Reise nach Tansania in diesem Herbst kennengelernt. Und in jeder Familie lebte mindestens ein Kind, das so wie Emanuel irgendwann niemanden mehr hatte.
Der Staat ist in Tansania völlig überfordert mit den vielen Waisenkindern. Viele Eltern sterben bei Unfällen oder durch Krankheiten. Die meisten sterben an AIDS. Es ist gut, dass es Familien gibt, die diese Kinder aufnehmen. Einfach so, weil sonst niemand da ist. Und unsere Partnerkirche kümmert sich in Waisenheimen auch um weitere Kinder, die nicht so ein Glück haben wie Emanuel.
Ich habe große Hochachtung vor meinen Kolleginnen und Kollegen. Sie haben selber nicht viel mehr, als sie unbedingt zum Leben brauchen. Aber sie übernehmen doch Verantwortung. „Extended family“ heißt das in Tansania. Die erweiterte Familie. In erster Linie die Verwandten – aber auch die, die einfach Hilfe brauchen. Davon können wir hier in Deutschland viel lernen.

Einen guten Tag wünscht Pfarrerin Katja Albrecht aus Merseburg