Rikel

Rikel hieß eigentlich anders. Aber seit ihr Nichte das erste Mal versucht hatte, ihren Namen auszusprechen, hieß sie für alle nur noch Rikel.
Rikel konnte Sterne fangen, mitten im Gespräch. Wenn alle gelangweilt dasaßen und an ihr eigenes Leben dachten, was sie noch einkaufen müssen, was im Büro noch liegen geblieben war – da saß Rikel immer noch da und hörte zu. Hörte zwischen den Worten, das Ach und das Glück. Rikel fing die Sterne, mitten im Gespräch. Warte mal!, hatte sie ganz oft zu mir gesagt. Wenn ich den anderen gerade unterbrach, weil der angeblich so langsam dachte und sprach. Wart mal, sagte sie zu mir, wenn ich dachte, der kommt doch eh nicht auf den Punkt. Ich will noch hören, was er dazu sagt.
Sterne kommen langsam auf den Punkt. Rikel sah das kleine aufleuchten in der Nacht. Rikel ist nicht alt geworden. Sie fehlt mir sehr, am meisten ihre leise, sanfte Art. Ich seh´ sie noch, wie sie da saß, den Kopf mit dem Ohr halb schief gelegt. Ihre Augen glänzend und leuchtend ihr Gesicht, umringt bis tief in die Nacht.
Gott schenke uns erleuchtete Augen des Herzens. In der Bibel hört sich das immer so fromm an, wenn man das liest. Bei Rikel war es Fleisch und Blut. Erleuchtete Augen des Herzens. Rikel, ein Sternfängerkind. Für Rikel war auch die Stille Musik. Wart mal, hätte sie jetzt gesagt und mit uns in die Nacht gelauscht. Siehst du, das Wunder geschieht.
Einen Tag zum Staunen wünscht Kristin Jahn, Superintendentin im evangelischen Kirchenkreis Altenburger Land