Das Jahr in den Himmel werfen

Bring die Sache zu Ende. So hatte ihre Mutter immer gesagt. Wenn sie sich mal wieder verbummelt hatte. Geträumt – beim Hausaufgaben-machen oder putzen. Sie war immer gut daran, Dinge anzufangen. Aber weniger, sie zu einem guten Ende zu bringen. Die Mutter musste sie ermahnen.
Und nun ist sie selbst eine erwachsene Frau. Musste viel zu Ende bringen. Ihre Ehe um Beispiel. Was für ein Kraftakt.
Und jetzt geht dieses Jahr in die Schlusskurve. Und sie will es zu einem guten Abschluss bringen. Es hatte genug Kraft gekostet. Das große Kind ging die Welt. Warum ausgerechnet Brasilien? Der zweite hatte den Unfall und muss jetzt lernen, mit spastischen Schüben zu leben. Die Kleine war der Augenstern. Die beste Freundin: schwer krank. Der Ex: immer vorwurfsvoll. Die Nachbarn: gewalttätige Alkoholiker. Die Stimmung im Land: gereizt. Die Polarisierung in vielen Ländern dramatisch. Wie soll das weitergehen?
Gott im Himmel, betet sie. Ich möchte dir dieses Jahr vor die Füße kippen. Kannst du vielleicht sortieren, ob was Gutes dabei war? Und das andere unkommentiert zurücknehmen? Ich bin nicht anspruchsvoll. Aber das ist manchmal zu viel für mein kleines Herz. Du bist groß. Und wir sind nur ein Staubkorn im Weltall. Sieh uns trotzdem an.
Als sie die Wohnung fein für Silvester macht, denkt sie: So soll es sein. Ich werfe das Jahr in den Himmel. Und meine Sehnsucht gleich mit. Er, der große unbekannte Gott, möge es segnen. Und uns alle in der Hand halten. Wo immer wir sind auf diesem Globus.
Ulrike Greim, Weimar, Evangelische Kirche.