Stille Tage

Nachts stürmt es um das Haus. Ihr ist das unheimlich. Zwischen den Jahren fliegen die unruhigen Seelen, hatte die schrullige Nachbarin früher immer gesagt. Jetzt ist die vermutlich selber eine.
Sie zieht die Decke über die Ohren. Nein, das Geheul der Ahnen will sie nicht hören. Hat genug mit den Lebenden um die Ohren.
Außerdem: Schabernack. Aberglaube. Da sind wir längst drüber weg.
Als sie mit ihrem Mann das Haus von den Großeltern übernommen hat, war ihr klar: Sie übernimmt die ganze Geschichte. Den Segen wie den Fluch. Aber sie liebte die Großeltern. Es waren gütige Menschen. Das Haus: Ein guter Ort. Gastfreundlich und warmherzig. Hier war immer etwas los. Einfach ging es zu. Aber humorvoll. Immer Platz für die Liebe. Wo die Liebe wohnt, wohnt Gott, sagte Oma gern.
Sie und ihr Mann haben viel umgebaut. Neu gemacht, passend. Es war jetzt ihr Haus. Nun, in den stillen Tagen, horcht sie mehr als sonst in sich hinein. Wohnt hier die Liebe? Wohnt hier Gott? Sie bittet darum. Immer wieder neu. Wo die Liebe wohnt, haben die bösen Geister keinen Spielraum.
Bin ich glücklich? Sie wiegt den Kopf. Doch, irgendwie schon. Was gehört zum Glück? Familie. Und der große Küchentisch, an dem immer zwei, drei weitere Platz haben. Das kam dieses Jahr zu kurz, merkt sie jetzt. Die Gäste.
Sie will wieder mehr Gäste haben. Das ist der Wunsch für das nächste Jahr.
Auch unruhige Seelen dürfen hier ihren Platz haben. Und Ruhe finden.
Schöne stille Tage wünscht Ulrike Greim, Weimar, Evangelische Kirche.