Insel am Mittag

Im Halbkreis sitzen Männer und Frauen in der Kirche. Jeden Mittwoch. Mittags um 12 Uhr.  Sie singen miteinander einen immer wiederkehrenden Gesang: Bleibet hier und wachet mit mir. Wachet und betet. Darum hatte Jesus seine Jünger gebeten, kurz bevor er gekreuzigt wurde.

Die Melodie ist einfach, so dass jeder nach kurzer Zeit mit einstimmen kann. Zwischen dem Gesang werden Bibeltexte gelesen. Es ist eine ganz eigene Atmosphäre. Ein bisschen wie aus der Welt gefallen. Draußen auf dem Markt tobt der Alltag. Hier drin in der Kirche ist eine Insel der Ruhe. Wachet und betet. Bis Ostern gibt es diese besonderen Andachten in unserer Eisenacher Georgenkirche.

Erstaunlich finde ich, wie unterschiedlich die Menschen sind, die hier zusammenkommen. Nicht alle gehören zur Kirchengemeinde. Da kommen Touristen, die eigentlich nur die Kirche anschauen wollten. Büroangestellte, die ihre Mittagspause dazu nutzen. Leute, die zum Einkaufen unterwegs sind und die Glocken gehört haben.

Wachet und betet. Die Bibeltexte erzählen den Weg von Jesus Christus bis zum Kreuz. Keine eingängigen Worte. Aber sie berühren. Genau wie der ruhige Gesang. Das Gebet, das Händereichen am Schluss. Ein bisschen wie aus der Welt gefallen und doch in der Welt. Eine Insel am Mittag. Den Blick nach innen richten, den eigenen Herzschlag spüren, die Gedanken fließen lassen, die Welt ins Gebet nehmen. Kostbare Momente mitten im Alltag.

Die wünsche ich Ihnen heute auch. Cornelia Biesecke aus Eisenach.