Leben ohne Gott

Am Sonntag brauche ich meinen Spaziergang. Am besten nach dem Mittagessen. Und gern auch immer die gleiche große Runde. Da bin ich ein Gewohnheitsmensch. Erst am Fluß entlang unter den großen alten Bäumen. Dann vorbei an der Kunst im Park. Danach an dem alten, verlassenen Haus abbiegen und weiter geradeaus. An dem Haus aber hat sich etwas geändert. Auf die marode Holztür hat jemand mit Kreide geschrieben: „Leben ohne Gott“. Mit Ausrufezeichen. Wer immer das geschrieben hat - es scheint ihm oder ihr wichtig zu sein. Aber warum schreibt das jemand an die Tür eines verlassenen und ziemlich kaputten Hauses? Ist es eine Art Bekenntnis, das alle lesen sollen, die dort vorbeigehen? Für ein Leben ohne Gott? Oder meint es etwas ganz anderes: Wenn man ohne Gott lebt, sieht das Leben so aus wie dieses alte Haus: Verlassen und leer? Was immer der Türschreiber gemeint hat, mich erinnert die Adventszeit daran: Ob die Türen unseres Lebens nun für Gott verschlossen oder auch weit geöffnet sind - Gott wartet. Wartet geduldig und höflich, ob wir ihn in unser Leben einlassen. Und er selbst hält seine Tür für uns weit geöffnet. Einen guten Tag wünscht Kristina Kühnbaum-Schmidt, Regionalbischöfin der evangelischen Kirche in Meiningen