Minderheitsregierung

Kaum bekannt, aber: Wir sind mitten in der Fastenzeit. Die gibt es nicht nur zwischen Aschermittwoch und Ostern, sondern auch vor Weihnachten. Fasten meint, auf Gewohnheiten zu verzichten. Das hilft bei der Rückbesinnung auf das, worauf es ankommt. Nun ist die Adventszeit für uns so weit vom Fasten entfernt wie Vanillekipferl vom Löwenzahnsalat. Aber warum nur ans Essen denken, es gibt auch gesellschaftliche Gewohnheiten, die zu überdenken sind. Beispiel Politik. Jameika ist adé. Es könnte zu einer Minderheitsregierung kommen. Und das könnte für die Politik zur Fastenzeit werden. Eine Regierung könnte nicht einfach durchregieren, sich für ihre Vorhaben jeweils Mehrheiten organisieren. Wir würden Demokratie ganz anders erleben. Gibt es einen Koalitionsvertrag, gibt es kaum noch Überraschungen. Wir bleiben außen vor und dürfen zuschauen, wie die Regierung den Koalitionsvertrag umsetzt. Eine Minderheitsregierung würde unweigerlich Sachdebatten vom Zaun brechen, die nicht an den Parteigrenzen halt machen. Das wäre für die Parteien wie, ja wie eine Fastenzeit. Auf die eingeübten und langweiligen Rituale zwischen Regierung und Opposition müsste verzichtet werden. Damit würden wir der eigentlichen Idee von Demokratie näher kommen, eine Demokratie, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, nicht die Interessen der eigenen Partei. Dann würde vielleicht mehr mit den Menschen geredet und weniger über ihre Köpfe hinweg entschieden. Fasten heißt eben: frei werden für Wesentliches. Ralf-Uwe Beck, evangelisch und aus Eisenach.