Totensonntag

Heute ist Totensonntag. Die Gräber sind hergerichtet, manche mit Reißig abgedeckt. Viele Menschen werden heute auf den Friedhof gehen zu den Gräbern von Verwandten und Freunden. Totengedenken nennen wir das. Wir erinnern uns an die Zeit, die wir miteinander hatten. Und wir denken an die Zeit, die wir selbst noch haben. Totengedenken und Lebengedanken.

Totensonntag ist immer Ende November, die Bäume stehen kahl. Jetzt, wo die letzten Blätter gefallen sind, sehen wir den Stamm, jeden Ast, jeden Zweig und damit den ganzen Baum von der Wurzel bis zur Spitze. Und beim Gang auf den Friedhof sehen wir vielleicht das Leben klarer, zu dem auch das Sterben gehört – irgendwann, aber unausweichlich. Und doch gehen wir nicht verloren.

Ich finde das nirgends besser ausgedrückt als in einem Gedicht von Rainer Maria Rilke.

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andere an: es ist in allen.
Und doch ist einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

So gehalten zu sein, wünscht Ihnen
Ralf-Uwe Beck, evangelisch und aus Eisenach.