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08.10.2020
Ein Jahr nach dem Attentat in Halle | Landesbischof Kramer: "Möge der Geist der Liebe stark werden"

Ein Jahr nach dem antisemitischen Anschlag auf eine Synagoge in Halle, bei dem ein Attentäter am 9. Oktober 2019 zwei Passanten erschoss, erklärt der Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Friedrich Kramer:

Heute am 9. Oktober vor einem Jahr war das Attentat von Halle.

Halle steht wie Hanau, wie Kassel für die neuen Gewalttaten von Tätern, die geistig in einer Welt leben, die nur Gewalt, Frauenverachtung, Hass gegenüber dem Islam und dem Judentum kennt.

Die Tür hat damals gehalten. Er konnte nicht in die Synagoge. Das war das Wunder von Halle.

Aber die Wunde, die mit der Ermordung zweier Menschen unserer Stadt und auch mit der Verletzung von vielen Menschen, ja Traumatisierungen einhergeht, sie ist noch zu spüren.

Wir bieten als Evangelische Kirche von Mitteldeutschland in der Marktkirche heute die Gelegenheit zur Stille, zum Gebet. Und es wird dort um 12 Uhr ein Gebet sein im Zusammenhang des Läutens der Glocken.

Wir werden die Glocken in der Stadt läuten und laden Sie ein, mit zu beten für die Opfer dieser Gewalttat.

Um 19 Uhr laden Bischof Feige und ich Sie ein, gemeinsam mit der Diakonie Mitteldeutschland, mit Christoph Stolte, sich in der Marktkirche zu treffen, ein Gebet zu halten und dann zu unseren jüdischen Geschwistern in die Synagoge zu gehen, die uns erwarten.

Wir wollen ein Zeichen der Solidarität und freundschaftlichen Verbundenheit geben: Wir stehen zu euch!

Seien Sie mit uns verbunden im Gebet, wenn Sie nicht dabei sein können, und beten Sie mit, dass der Ungeist von Rassismus, von Antisemitismus, von Islamhass und Frauenfeindlichkeit nicht weiter um sich greift, sondern der Geist der Liebe stark werde.

Ich danke Ihnen.

Ihr Landesbischof Friedrich Kramer

 

Der Landesjugendkonvent hat ein Positionspapier gegen Menschenfeindlichkeit verfasst:

"Wir lehnen jede Form von Gewalt ab, egal ob verbal oder körperlich. Wir rufen alle Mitglieder und Verbände der EKM sowie alle Instanzen der Gesellschaft - Politik, Jugendverbände, Vereine - dazu auf, sich weiterhin deutlich gegen jegliche Form der Diskriminierung zu positionieren, aktiv zu werden und auf diese Probleme aufmerksam zu machen."

Den vollständigen Text finden Sie auf dieser Seite unter "Downloads".

 

Weitere Meldungen zum Jahrestag des Halle-Attentats:

Evangelische Kirche und Diakonie erinnern an Anschlag auf Synagoge

Berlin (epd). Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, und Diakonie-Präsident Ulrich Lilie haben an den Anschlag auf die Synagoge in Halle vor einem Jahr erinnert und jede Form von Antisemitismus verurteilt. "Unser historischer Auftrag ist es, alles dafür zu tun, dass Jüdinnen und Juden in Deutschland frei und ohne Angst leben und ihre Religion ausüben können", sagte Lilie am Donnerstag in Berlin. Antisemitismus sei eine Sünde gegen Gott, betonte Bedford-Strohm.

Bedford-Strohm, der auch bayerischer Landesbischof ist, erklärte, der Anschlag von Halle sei eine Mahnung. Antisemitismus sei ein Verbrechen an den Juden und dadurch auch ein Verbrechen gegen die Menschheit. Am 9. Oktober 2019 hatte der Attentäter Stephan B. mit Gewalt versucht, in die Synagoge in Halle einzudringen, in der sich die jüdische Gemeinde zur Feier des höchsten jüdischen Feiertages Jom Kippur versammelt hatte. Er scheiterte an der hölzernen Eingangstür, tötete in der Folge aber eine Passantin auf der Straße vor der Synagoge und später in einem Imbiss noch einen jungen Mann. Er steht derzeit wegen Mordes und versuchten Mordes vor Gericht.

Bedford-Strohm sagte, 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz breite sich Hass auf Juden wieder aus. Das sei der Nährboden, auf dem Gewalt gedeihe. Dass es vermeintlich um radikalisierte und fanatisierte Einzeltäter handele, dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit bis hinein in die demokratischen Institutionen wieder drohten, hoffähig zu werden.

Beauftragter Franke: Sind weiter für Opfer von Anschlag in Halle da

Berlin (epd). Vor dem Jahrestag des antisemitischen Anschlags in Halle hat der Opferbeauftragte der Bundesregierung, Edgar Franke, den Betroffenen weitere Unterstützung zugesagt. "Wir werden weiter für die Verletzten und Hinterbliebenen da sein, auch noch Jahre nach dem Anschlag", sagte Franke am Donnerstag in Berlin. Der rechtsextremistische Anschlag habe tiefe Wunden hinterlassen. "Die Trauer um die Getöteten, die Verletzungen und die Erinnerungen an die Tat bleiben", sagte Franke.

Der Beauftragte für Terroropfer erklärte, es gehe nicht nur um die Hinterbliebenen und Verletzten, sondern auch die zahlreichen Augenzeugen, die die Tat haben miterleben müssen. "Mein Team und ich kümmern uns seit dem Anschlag um psychologische, soziale und praktische Hilfen." Zudem habe der Bund die Betroffenen mit finanziellen Soforthilfen unterstützt. Durch die Ausweitung der Hilfen auf wirtschaftliche Schäden könne auch Geschäften wie dem Dönerimbiss geholfen werden, ergänzte Franke.

Am 9. Oktober 2019 hatte ein Attentäter aus rechtsextremistischer Gesinnung heraus einen Anschlag auf die Synagoge in Halle verübt. Beim Versuch, am jüdischen Feiertag Jom Kippur in das Gotteshaus einzudringen, scheiterte er und erschoss eine 40 Jahre alte Passantin und in einem Döner-Imbiss einen 20 Jahre alten Mann.

Zum Jahrestag wird am Freitag in Halle mit zahlreichen Veranstaltungen an die Opfer erinnert. Geplant sind ein Glockengeläut zur Uhrzeit der Tat und die Enthüllung von zwei Gedenkorten. Bei der zentralen Gedenkveranstaltung am Nachmittag wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erwartet.

9. Oktober soll Aktionstag für jüdisches Leben werden

Berlin (epd). Vertreter der Bundesregierung, der Zentralrat der Juden in Deutschland und die Initiative kulturelle Integration wollen nach dem antisemitisch motivierten Anschlag in Halle den 9. Oktober zu einem Aktionstag für jüdisches Leben machen. Die Antwort auf diese Tat sei jüdisches Leben, sagte der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, am Donnerstag in Berlin. Jüdisches Leben "ist hier, bleibt hier, lässt sich nicht vertreiben", sagte er.

In diesem Jahr startet die vom Deutschen Kulturrat mitgetragene Initiative kulturelle Integration einen Fotowettbewerb, der Alltag von Juden in Deutschland sichtbar machen soll. Zehn Fotos sollen ausgezeichnet werden.

Laut Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) soll der Aktionstag jährlich am 9. Oktober ein Zeichen gegen Diskriminierung und Antisemitismus setzen sowie die Selbstverständlichkeit jüdischen Lebens in Deutschland deutlich machen. Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, sagte, der Anschlag in Halle habe eindrücklich vor Augen geführt, "wie fragil unser Leben ist". Die Mehrheit der Juden hierzulande sehe ihre Zukunft aber weiter in der Bundesrepublik.

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