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23.02.2021
Im Kirchturm über die Orgel gestolpert | Der Wiederaufbau der Kirchner-Orgel in Groß-Germersleben

Orgelbaumeister Gerhard Kirchner hatte im Jahre 1971 eine Kleinorgel im neobarocken Stil für den Gemeindesaal der Kirchengemeinde Aken erbaut, es war sein letzter Orgelneubau.    

1997 wurde der Gemeindesaal umgebaut und saniert, das Instrument wurde im Turm der St. Nicolaikirche zu Aken eingelagert und geriet in Vergessenheit.

Im Frühjahr 2014 hatten wir im Kirchenkreis Egeln ein „Kompetenzzentrum für Orgel und Harmonium“ ins Leben gerufen. Ziel: Orgelunterricht und Weiterbildung für ehrenamtliche Organistinnen und Organisten in unserem Kirchenkreis. Groß Germersleben wurde ausgewählt, weil es in der Mitte des Kirchenkreises liegt. Die Kirchengemeinde hatte die entsprechenden räumlichen Möglichkeiten und in Pfarrer Spielmann sowie seinem Gemeindekirchenrat engagierte Menschen, die halfen, diesem Projekt Leben einzuhauchen. Ich als Kirchenmusiker der Region hatte mir die Förderung der Ehrenamtlichen auf die „Fahne“ geschrieben, denn die Anerkennung der ehrenamtlichen Organistendienste besteht nicht nur in der Auszahlung der Aufwandentschädigung. Gefördert werden sollte auch die  Qualität des sonntäglichen Orgelspiels, kostenlose Weiterbildungsangebote sollten den ehrenamtlichen Dienst würdigen. Das Kompetenzzentrum beherbergt außerdem eine einmalige Harmoniumsammlung und fördert das Erlernen eines wirkungsvollen Harmoniumspieles.

Zum Orgelunterricht und für die Weiterbildungskurse hatten wir 2014 allerdings nur ein Pedalharmonium zur Verfügung.

Im Frühjahr 2014 hatte ich im Rahmen meiner Tätigkeit als Orgelsachverständiger eine Orgelbesichtigung in der St. Nikolaikirche Aken. Im Turm stieß ich mir meinen Fuß heftig, so dass ich einen lauten Schmerzschrei ausstieß (oder waren es die am Boden liegenden Orgelteile der Kirchner-Orgel von 1971, die riefen?) Kurzum, die Kirchengemeinde Aken schenkte die nicht mehr benötigte Orgel der Kirchengemeinde Groß Germersleben zur Aufstellung in ihrer Kirche St. Spiritus und zur Nutzung durch das Kompetenzzentrum. Fleißige Helfer aus Groß Germersleben, der Pfarrer und ich transportierten dann die Orgelteile nach Groß Germersleben und lagerten sie im Nordschiff ein.

Der Kirchenkreis Egeln, der Orgelfonds unserer Landeskirche, die Kaffeerösterei Magdeburg und die Kirchengemeinde Groß Germersleben mit ihren Eigenmitteln aus einer Spendensammlung förderten den Aufbau der Kirchner-Orgel. Darüber hinaus halfen die Schüler des Kompetenzzentrums unter Anleitung der Orgelbaumeister Gerd-Christian und Thomas Bochmann und mir als  Orgelsachverständigen des Kirchenkreises Egeln, einfache Arbeiten selbst auszuführen und dabei viel zu lernen. Insgesamt wurden dabei mehr als 300 Arbeitsstunden geleistet.

Am 18. Juni 2017 konnte das letzte Orgelwerk von Orgelbaumeister Gerhard Kirchner mit seinem besonderen neobarocken Klang mit acht Registern, geteilten Laden, Manual und Pedal in einem festlichen Gottesdienst seinem Dienst übergeben werden. Die Festpredigt hielt Superintendent Matthias Porzelle, es musizierten die Ehrenamtlichen und Orgelschüler des   Kompetenzzentrums unter der Leitung von Kantor Werner Jankowski.

Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin im Kompetenzzentrum, Friedburg Unger, verfasste nach alter Tradition für diesen besonderen Tag ein Orgelgedicht:

"Wohlauf und spiele schön…“ oder „Das Märchen von der wieder erweckten Königin“

Genau 20 Jahre lag ich auf hartem Boden, in alle Einzelteile zerlegt,

lauschte jahrein, jahraus dem Surren der Turmuhr,

spürte nur, wie der Staub sich sanft auf mich legt…

als ich wie „Dornröschen“ vergessen im Kirchturm zu Aken schlief

und davon träumte, eines Tages wieder zu erwachen – jedoch der Schlaf war tief.

Hunderte von Jahren wäre mein Schlaf als vom Thron gestürzte „Königin“ wohl weitergegangen,

hätte nicht im Land Egeln ein stolzer Ritter als Kantor und Orgelsachverständiger angefangen.

So passierte es eines Tages, dass dieser im Turm von Aken am Fuß sich stieß und ich im Schlaf als „Königin der Instrumente“ ein leises Seufzen hören ließ.

Dies war wohl lieblich zu vernehmen, so dass er aufhorchte und mich ansah…

und fortan dafür kämpfte, mich wieder auf den Thron zu heben… Aber hört, was nun geschah:

Ein mutiges Gefolge mit dem Pfarrer und Männern des Dorfes fuhren mich mit der Kutsche behutsam in die Kirche St. Spiritus, Groß Germersleben.

Man putzte und beguckte mich, stirnrunzelnd versuchte man mich anzuheben

und nach gründlicher und liebevoller Orgelkur in Kohren-Sahlis wieder zu beleben.

Mit großen und kleinen Spenden und guten Geistern in Orgelbauwerkstatt, Ämtern und der Hofküche bedacht, habt Ihr aus mir wieder ein „Königin der Instrumente“ gemacht.

Ihr, Ritter Jankowski, habt mich tatsächlich wiedererweckt und verleiht mir nun zu Gottesdienst, im Orgelunterricht des „Kompetenzzentrums“ und vor allem im Konzert neuen Gesang!

So sage ich Euch und der Orgelwerkstatt Bochmann sowie allen „guten Geistern“ herzlich meinen musikalischen DANK!

„Wohlauf und spiele schön“

mit frohen Tönen zum Lob unseres Gottes in meinem verwandelt barock-bezauberndem Klang.“

 

Ein Beitrag von Werner Jankowski, Kantor und Orgelsachverständiger im Kirchenkreis Egeln


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