Ökumenischer Gottesdienst am 10. Sonntag nach Trinitatis, 20. August 2017, in Heilbad Heiligenstadt

Aus Anlass von 530 Jahre Kirche St. Martin und 30 Jahre ökumenische Gottesdienste in Heilbad Heiligenstadt  

 

Predigttext: 2Kor 5,17 – 6,2

(wurde als Epistel gelesen)

(17) Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. 

(18) Aber das alles ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. 

(19) Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. 

(20) So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! 

(21) Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt. 

(1) Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfangt. 

(2) Denn er spricht (Jesaja 49,8): »Ich habe dich zur willkommenen Zeit erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils! 

 

 

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist, und der der war und der da kommt. Amen.

 

I. Gemeinsam auf dem Weg: 30 Jahre Ökumene in Heiligenstadt (und darüber hinaus)

Liebe Schwestern und Brüder! 

Wie wunderbar ist es, hier bei zu Ihnen zu sein! Wie wunderbar ist es zu hören, welche Kraft, welcher Geist von diesem Gottesdienst vor 30 Jahren ausgegangen ist! Wie wunderbar ist es zu sehen, in welcher Gemeinschaft wir heute hier beieinander und miteinander sind!

 

„Aber das alles ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt.“ 

Liebe Schwestern und Brüder, das ist das Geheimnis für unser Feiern. In diesen Worten des Apostels Paulus von der Versöhnung finden wir das Geheimnis nicht nur des Miteinanders in Heiligenstadt, vielmehr auch das Geheimnis des Miteinanders in diesem Jubiläumsjahr 500 Jahre Reformation. Ja, in diesen Worten finden wir das Geheimnis des Miteinanders überhaupt in unseren Familien, in unserem Land, unter den Völkern dieser Erde. 

„Alles das ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt.“

Versöhnung, liebe Schwestern und Brüder, Versöhnung ist das Fundament dafür, dass unser Miteinander gelingt. Wie wirkt Versöhnung konkret? 

Auf der Homepage der Kirchengemeinde St. Martin kann man nachlesen, wie das konkret aussieht, aus Versöhnung heraus miteinander zu leben. Und Sie, hier vor Ort, haben es vor Augen. Da heißt es über Ihr ökumenisches Miteinander:  „… gemeinsame Gottesdienste zum Stadtfest, der Fastenzeit oder zum Taufgedächtnis, die ökumenische Bibelwoche im Januar und der gemeinsam vorbereitete Weltgebetstag der Frauen zeigen die traditionelle Verbundenheit …“ „… ökumenische Zeichen sind weiterhin die Teilnahme der evangelischen Pfarrer an den jährlichen Palmsonntagsprozession, der ökumenische Pilgerweg durch die Kirchen und die gemeinsame Feier des Martinstags.“ Und dann heißt es: „Auch abseits der „offiziellen“ Treffen unterstreichen die vielfältigen guten persönlichen Kontakte zwischen Gemeindegliedern und den Geistlichen die gelebte Ökumene zwischen den Gemeinden.“

Dieser Text könnte glatt einer Hochglanzbroschüre entnommen sein! Ein Werbetext von einer Agentur, extra für Sie entwickelt! Doch ich bin gewiss, Sie schreiben hier nichts Erdachtes. Da ist nichts zu dick aufgetragen. Wunderbar, dass Sie so miteinander leben und wirken! Unterschiede zwischen den Konfessionen? Ja, sie sind da. Aber sie trennen nicht mehr. Entscheidend ist der gemeinsame Glaube an Christus als den Herrn der Welt. Die Verbindung ist die eine Taufe, in der alle auf ihn alle getauft sind. Es ist der eine Geist, der alles in allem wirkt! Er wirkt Versöhnung. Er wirkt auch, dass wir unsere Verschiedenheit versöhnt leben können.

Und so dürfen Sie zu Recht stolz sein und sich heute freuen über den Weg der vergangenen 30 Jahre in diesem Geist! 

Und wir freuen uns mit Ihnen. Und wir freuen uns, dass wir in diesem Jahr das 500. Reformationsjubiläum als Christusfest feiern, in großer ökumenischer Gemeinschaft. Die Bäume im Luthergarten in Wittenberg und ihre Korrespondenzbäume in der weiten Welt, nun auch in Heiligenstadt – sie sind ein Zeichen dieser versöhnten Verschiedenheit, ein Zeichen, dass Christi Versöhnungswerk, sein Kreuz und seine Auferstehung die Mitte unseres Miteinanders ist und bleibt. 

Das war nicht immer so. Im Gegenteil, über Jahrhunderte herrschte bestenfalls kühle Abgrenzung, wenn nicht Krieg, Polemik, Herabsetzung. Und so sehen wir es auch nicht als unser Werk an, dass wir dieses Jubiläum in ökumenischer Gemeinschaft feiern. 

Dass das nicht selbstverständlich ist, wer wüsste das nicht besser als Sie! So lang ist es noch nicht her, dass konfessionsverschiedene Ehen argwöhnisch begleitet wurden. Noch vor fünfzig, und erst recht vor hundert Jahren, haben sich Evangelische und Katholische gegenseitig provoziert. Das, was dem andern wichtig ist, bewusst schlecht gemacht. Ich denke an die Güllefahrten von Evangelischen vor der Fronleichnamprozession und das demonstrative Wäscheaufhängen und Autowaschen von Katholiken an Karfreitag. Sie können sicher viele solche und ähnliche Geschichten erzählen. Ich kann mir denken, dass die eine oder andere Verletzung daraus bis heute noch nachwirkt. 

 

II. Versöhnung ist das Fundament, Christus der Schlüssel

Heute aber ist das, Gott sei’s gedankt, anders. Wie ist dies möglich geworden? 

„Alles das ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt.“

Christus, liebe Schwestern und Brüder, Christus ist der Schlüssel!

Wenn Menschen sich versöhnen können, wenn sie neu aufeinander zugehen, dann geschieht ein Wunder. Versöhnung ist wirklich nicht einfach. Auch wenn Eltern das manchmal von ihren Kindern fordern. Versöhnung gibt es nicht nebenher, mal eben so. Versöhnung erfordert, sich in den anderen hinein zu versetzen. Versöhnung mutet mir zu, in den Schuhen des anderen gehen. Versöhnung vollzieht sich mit solchen Fragen wie: Wie siehst du auf die Welt? Was ist dir wichtig? Auch: Was ist dir heilig und warum? Und Versöhnung gibt es nur mit einer guten Portion Risikobereitschaft. Das Risiko, sich auf den und die andere einzulassen, das Risiko, das Andere als möglicherweise gleichberechtigte Wahrheit gelten zu lassen – neben dem, was mir wichtig ist und heilig, und was ich als wahr und richtig erkannt habe.

Christus ist der Schlüssel. Er selbst ist die Wahrheit. Das bedeutet für uns: in ihm haben wir Teil an der Wahrheit; keiner hat sie ganz, keine Seite verkörpert sie ganz und allein. Gut, dass wir im ökumenischen Miteinander der letzten Jahrzehnte diesen Weg miteinander gegangen sind. Gut, dass wir dieses Reformationsjubiläumsjahr als Christusfest feiern. 

Denn es ist ein Wunder, wenn Menschen sich versöhnen können, wenn sie neu aufeinander zugehen. Dieses Wunder wirkt ein anderer Geist als unser menschlicher. Dieses Wunder wirkt Gott selbst. Es ist der Geist Gottes, der Leben schafft und Leben erhält; der Geist, der lebendig macht; der Geist Gottes, der den Toten Jesus von Nazareth zum Leben auferweckt hat. 

So ist Christus der Schlüssel zu neuem Leben, je persönlich und auch im Miteinander. 

„Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“, so erinnert Paulus die Gemeinde in Korinth und uns. In Christus bin ich eine neue Schöpfung. Meine Taufe auf seinen Namen – und damit in sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung hinein – unsere Taufe schenkt uns: Alles was uns in die Irre führt, unsere Verfehlungen, unsere Schuld, unser Streit, unsere Rechthaberei – all das steht nicht mehr zwischen mir und Gott. Gott nimmt es aus der Mitte zwischen ihm und mir, und damit auch aus dem Miteinander unter uns, und stellt nun in die Mitte das Wort von der Versöhnung groß.

Der Apostel Paulus hat das selbst erlebt. Er sucht Versöhnung und Frieden mit seiner Gemeinde. In Korinth gab es große Streitereien. Es gab Parteien, die sich gegenseitig den rechten Glauben absprachen. Paulus sucht einen neuen Weg des Miteinanders. Er sieht beide Parteien in einem Prozess und verweist auf Christus: Christi Sterben und Auferstehung zieht in die Bewegung vom alten zum neuen Menschen hinein. Christus verwandelt Konkurrenz zur Geschwisterlichkeit. Christus führt von der Herrschaft der Sünde zum Geist der Freiheit.

Alles das erleben auch wir, seit nunmehr mehreren Jahrzehnten. Sie hier in Heilbad Heiligenstadt. Und wir in der Landeskirche und in den Bistümern. Die Schritte unseres Miteinanders der Konfessionen wurden in den vergangenen Jahrzehnten immer fester und immer klarer. Weil wir in Christus unsere Identität finden als von und in ihm Versöhnte, deshalb müssen wir uns nicht gegeneinander profilieren. Gott sei Dank!

Als Versöhnte, so braucht Christus uns, er braucht uns eben als Versöhnte. Er braucht uns, dass wir den Dienst der Versöhnung an seiner Statt und in seinem Auftrag tun. 

Und das hat unsere Welt so bitter nötig! Sie braucht mehr denn je unser Zeugnis, unser gemeinsames Zeugnis. 

Gebannt schauen wir auf Barcelona. Nun also Barcelona! Nach Paris und Brüssel, Berlin und Nizza, Homs und Mossul, Charlottesville und … Es schnürt uns das Herz zusammen und lässt uns klagen: Warum? Warum so viel Gewalt und Tod und Krieg und Terror? Was ist nur mit den Menschen los? Warum scheint deine Liebe, Herr, so machtlos? Wie gelingt Versöhnung, wir sehen nur Gegeneinander?

Dabei sind wir selbst Teil dieses Dunkels in unserer Welt. Beispielsweise gehört Deutschland nach wir vor zu den größten Exporteuren von Waffen. 2016 wurden aus Deutschland Kriegswaffen im Wert von rund 2,5 (!) Milliarden Euro exportiert!

Der Ausstoß von Treibhausgasen in Deutschland hat allen Klimaschutz-Bemühungen zum Trotz zugenommen. Die Emissionen stiegen auf rund 906 Millionen Tonnen. Eine Schlüsselrolle dabei spielt der Verkehr. Also wir.

Im Mittelmeer ertrinken nach wir vor viele viele Menschen. Sie suchen der Armut und der Gewalt und dem Krieg in ihren Ländern zu entfliehen. Und Europa ist nicht bereit, sie alle aufzunehmen. Und wir, wir schauen an unseren Bildschirmen zu.

„Die Welt ist schlecht“, sagen deshalb viele. „Die Welt ist schlecht, darum muss sie verändert werden“. „Die Welt ist versöhnt, darum kann sie geändert werden, sagen die Hoffenden und Bittenden.“

Dieser Satz stammt von Jürgen Moltmann, einem Theologen, der seine Theologie im Besonderen am Kreuz Christi ausrichtet.

„Die Welt ist [bereits] versöhnt, darum kann sie geändert werden, sagen die Hoffenden und Bittenden.

Das, liebe Schwestern und Brüder, ist die Haltung, aus der heraus wir Zeugnis geben können und geben sollen in dieser Welt: Wir sind Bittende. Wir bitten den Herrn um seinen Geist. Wir bitten den Herrn um seine Liebe. Wir bitten den Herrn, dass er das Alte in Neues verwandelt. Wir bitten die Menschen um Friedlichkeit. Wir werben angesichts der riesigen Verschwendung der Güter um Genügsamkeit, um ein neues Nachdenken, was ein gutes Leben wirklich ausmacht. Wie wahr und wichtig und gut, was Papst Franziskus so deutlich sagt: ‚Diese Art des Wirtschaftens mit dem ökonomischen Profit als wichtigsten Maßstab, diese Art des Wirtschaftens tötet.’ Mit ihm sind wir Bittende. Und Mahnende. Und Unsere Hoffnung setzt darauf, dass der Herr Umkehr möglich macht. Ja, das dies der einzige Weg ist. Denn: 

 „Das alles ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt.“

 

IV. Eine Ökumene der Gaben als gemeinsames Zeugnis im Dienst an und in der Welt

Liebe Schwestern und Brüder, wer versöhnt wird, der wird auch verwandelt werden.

Klar ist: Das alles ist ein langer Weg. Versöhnung, Vertrauen, Liebe – ohne Konflikte geht die Verwandlung dahin nicht. Auch das ist eine Erfahrung aus 500 Jahren Reformationsgeschichte. Leider Gottes auch eine in Teilen schmerzhafte. Es scheint, als würden wir immer neu darauf hingewiesen, dass nicht wir uns an Gottes Stelle stellen sollen, vielmehr sind wir lediglich Bittende. Das schließt manchen Passionsweg auch für uns ein. 

Der Glaube an die Macht der Liebe, der Mut zu Versöhnung, die Kultur des Miteinanders über alle Unterschiede hinweg – alles das bedeutet auch Leiden. Doch der Blick aufs Kreuz sagt uns: Gott leidet mit. Und er tut es, damit wir endlich aufhören, Leiden zu produzieren, damit wir anfangen, Wunden zu heilen. 

30 Jahre lebendige Ökumene in Heiligenstadt. Das Jubiläum 500 Jahre Reformation von den beiden großen Kirchen gemeinsam als Christusfest gemeinsam begangen. Da heilt eine Wunde, eine alte und über Jahrhunderte schwärende Wunde.  Das ist uns geschenkt. Und das ist zugleich Gottes Gabe für unseren weiteren Weg. Damit gehen wir in versöhnter Verschiedenheit weiter. Die Welt braucht unser Zeugnis. Sie braucht Christus. In ihm hat Gott „aufgerichtet des Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt.“ Als Bittende. Als Hoffende. Als diejenigen, die von Christus selbst in Bewegung gesetzt sind. Die Welt ist versöhnt, darum kann sie geändert werden. Als Geschwister im Glauben gehen wir auf diesem Weg gemeinsam weiter. Gott sei Dank!

Amen.

Und der Friede Gottes…