Rede von Landesbischöfin Ilse Junkermann am 6. Dezember 2016 in Erfurt

beim Adventsempfang der Evangelischen Kirchen in Thüringen im Evangelischen Augustinerkloster zu Erfurt

Sehr geehrter Herr Landtagspräsident, lieber Herr Carius,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lieber Herr Ramelow,
sehr geehrter Herr Präsident, lieber Herr Prof. Dr. Aschke,
sehr geehrter Herr Bischof, lieber Bruder Dr. Hein,
sehr geehrte, liebe Damen und Herren mit unterschiedlichen Aufgaben und gleicher Würde,
liebe Schwestern und Brüder!

I. Das menschliche Maß als Frucht einer „nüchternen Mystik“ in den Gefährdungen einer polarisierten Gesellschaft

„Nüchtern-mystisch, mystisch-nüchtern,
Anders ist es nicht zu machen:
Darum ist dein Wissen schüchtern,
Deine Schüchternheit dein Wachen.“

Hannah Arendt hat diese Zeilen gedichtet. Sie verbindet die zwei Worte "nüchtern“ und „mystisch“ miteinander – das hat mich aufhorchen lassen. Passt das zusammen? Wie passt das zusammen? „nüchtern“ und „mystisch“.
Das führt auf eine Spur, der ich heute Abend vor allem im Gespräch mit Martin Luther folgen möchte. Und ich hoffe, diese Spur ist für Sie so spannend wie für mich!
Denn damit gehen wir einer Frage nach, die sich in unserer Gegenwart mindestens genauso brennend stellt wie zu Zeiten Martin Luthers: Woher stammen die Kräfte, die uns in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft helfen können, das menschliche Maß und die Menschlichkeit des Menschen zu stärken?
Das führt zuallererst zu der Frage, was diese gefährdet, was in Gefahr bringt, das menschliche Maß und die Menschlichkeit des Menschen zu verlieren.

Hannah Arendt eröffnet diese Spurensuche heute Abend.
Hannah Arendt, die deutsch-amerikanische Philosophin hat zeit ihres Lebens die radikalen Gefährdungen moderner Gesellschaften analysiert. Sie hat die Verdrängung politischen Handelns durch Wirtschaft und Bürokratie reflektiert. Und sie hat versucht, das Wesen totalitärer Systeme vor Augen zu bekommen. Wie werden Zivilisationsbrüche möglich? Wann verliert der Mensch das menschliche Maß?
Martin Luther, so meine These, hat in seinem Verständnis vom Menschen die totalitären Versuchungen der heraufziehenden modernen Welt antizipiert, in welcher dem Menschen der Verlust jeglichen menschlichen Maßes droht. Nicht als Schicksal droht dieser Verlust des menschlichen Maßes in der modernen Welt. Vielmehr droht er als selbstverschuldete Abhängigkeit: Immer dann, wenn der Mensch sich selbst absolut, d. h. auch: totalitär setzen wird, immer dann wird er das menschliche Maß, das Maß der Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit verlieren. „Woran Du Dein Herz hängst, das ist Dein Gott...“, so erläutert Martin Luther zum 1. Gebot.
Aus dem Zentrum seiner Theologie heraus hat der Reformator die Auseinandersetzung mit dieser Selbstverabsolutierung geführt.
Das, was Martin Luther und Hannah Arendt verbindet, sind dabei die Stichworte einer „nüchternen Mystik“ bzw. eines „nüchternen Menschseins“. Ein nüchterner Blick auf den Menschen wird vor Unmenschlichkeit schützen, ein nüchterner Blick auf den Menschen ganz in Beziehung zu Gott wird seine Menschlichkeit stärken, ja, überhaupt begründen. Dies möchte ich im Folgenden ein wenig entfalten.

II. „Wir sollen menschen vnd nicht Gott sein. Das ist die summa.“
Als Martin Luther seinen Freund Georg Spalatin mit diesen Worten aufzumuntern suchte, drohte die Spaltung der damaligen Gesellschaft. Während Spalatin an den Verhandlungen des Augsburger Reichtages 1530 teil nahm, hatte Luther auf der Veste Coburg zurückbleiben müssen. Von dort aus – dem südlichsten Punkt des ernestinischen Herrschaftsgebietes – verfolgte der in Acht und Bann getane Reformator die Augsburger Ereignisse.
Würde es zur Spaltung der Kirche, gar zum Glaubenskrieg im Reich kommen? Oder würden die altgläubigen Stände, die geistlichen Reichsfürsten und der Kaiser das Bekenntnis der evangelischen Stände so wahrnehmen und dann auch aufnehmen, wie es dem Selbstverständnis der Reformatoren entsprach? Als den Versuch nämlich, die eine christliche Kirche zu reformieren; diese eine christliche Kirche neu von der Bibel, von Wort Gottes her formen zu lassen, weil sie sich in unguter Weise von ihren Ursprüngen bei Mose und den Propheten, bei Jesus, Paulus und den Psalmen entfernt hatte.
Luther und seine Kollegen wussten, was auf dem Spiel stand. Es war zu spüren, wie ein tiefer Riss mitten durch das christliche Abendland ging. In dieser hochbrisanten Situation mahnt Luther Spalatin, sich selbst nicht mit Gott zu verwechseln. Sie, die in Augsburg Verhandelnden, haben viel Macht und eine große Verantwortung – doch sie bleiben Menschen und werden nicht Gott; sie werden nicht wie Gott, sie sollen sich davor hüten, wie Gott sein zu wollen, der alles, auch alle Kompromisse im Griff behalten und beherrschen kann.
Ganz nüchtern sah Luther, dass Menschen von Macht und Einfluss korrumpiert werden können. Und das gilt nicht nur für diejenigen, die – aus der eigenen Perspektive betrachtet – auf der „falschen Seite“ stehen. Das gilt auch für die eigenen Mitstreiter. Luther redet mit seiner Mahnung, sich selber nicht mit Gott zu verwechseln nicht in Richtung Kaiser Karl V., nicht in Richtung Papst – er redet in Richtung Spalatin und Melanchthon.
Die Selbstverabsolutierung und Korrumpierbarkeit durch Macht und Einfluss, sie sind es, die das menschliche Maß und die Menschlichkeit des Menschen gefährden. Beide stellen sich leider nicht nur aus sogenannten „niederen“ Motiven wie Gier, Neid oder Geltungssucht ein. Nein, die Selbstverwechslung mit Gott passiert leider genauso auch bei ganz idealistischen Motiven: Das Glück der Menschheit zu suchen, Gerechtigkeit für alle herzustellen, das Paradies auf die Erde zu bringen. Genau darin sah Martin Luther wohl seine Gefährten Spalatin und Melanchthon gefährdet.

Woher nahm Luther diese analytische Klarheit für die totalitären Gefahren nicht nur bei „den Anderen“, sondern auch bei den eigenen Leuten? Woher hatte er diesen nüchternen Blick für die Versuchung, das menschliche Maß, die menschliche Begrenztheit und Fehlbarkeit auszublenden – auch und gerade mit den edelsten Motiven?!
Die Antwort scheint paradox, weil sie m.E. vor allem in Luthers mystischen Wurzeln zu suchen ist. Für moderne Ohren mag das Stichwort „Mystik“ nach einer diffusen Ideologie klingen, nach Gefühlsduselei und postfaktischer Irrationalität, nach „Verschmelzen mit dem Absoluten“ und ähnlichem gefährlich erscheinendem, weil schwer fassbaren Unfug.
Die Lutherforschung weist seit langem darauf hin, dass Luthers Mystik an das äußere Wort der Heiligen Schrift und des Katechismus gebunden ist. Nicht um Genieschwünge ging es ihm in seiner mystischen Suche; vielmehr darum, nüchtern darauf zu achten, was wirklich geschrieben steht. Nicht Verschmelzung, sondern ein gelassenes Meditieren meiner ganz realen menschlichen Situation vor Gott im Horizont der Schrift; vor Gott, der Gott bleibt, als Mensch, der Mensch bleibt, ein Mensch mit „Leib und Seele, Augen, Ohren und allen Gliedern, Vernunft und allen Sinnen“, als Mensch eingebunden in ein Netz aus Beziehungen mit Gott, mit meinen Mitmenschen, mit mir selbst. Eingebunden in dieses Gewebe, das schützt den Menschen davor, sich absolut zu setzen, schützt ihn davor, Gott sein zu wollen. Sich allein von Gott her zu verstehen, das macht den Menschen zu Menschen. Er ist Mensch nur als Gottes Ebenbild. Als ‚Mensch an sich’ hat er sein Menschsein schon verfehlt. Sobald er das tut, sich selbst als ‚Mensch an sich’ zu verstehen, begibt sich der Mensch in die Fänge seiner eigenen Fehlerhaftigkeit und Tendenz zu Hybris. Wer eines Beweises bedarf, möge sich nüchtern in der Welt, in der Gesellschaft, auch in der Kirche umschauen. Sich ganz auf sich zu beziehen, sich aus sich heraus zu entwerfen und zu verstehen, immer wieder neu – Sie erkennen die Anklänge an alle modernen Ratgeber zum Selbst-Designing! – darin verfehlt der Mensch sich schon, weil er seine Gottebenbildlichkeit und seine Mitmenschlichkeit verfehlt – und damit öffnet er, weil er ja kein absolutes, beziehungsfreies Wesen ist, sich schon der Sünde. Daraus befreit ihn allein Christus; denn Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch, der Gottes Mitmenschlichkeit auf der Erde ein neues Gesicht gibt, damit auch unserer Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit. In der engen Verbindung zu Christus, durch die Taufe, wird der Mensch ein neuer Mensch. Luther kann in der Auslegung von Gal 2, 20 („Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir“) formulieren: „Der Glaube macht aus dir und Christus gleichsam eine Person, so dass du nicht zu trennen bist von Christus, vielmehr ihm anhaftest, als ob du dich Christus nenntest, und umgekehrt er: Ich bin jener Sünder, weil er mir anhängt..“ .

Dies sich aneignen, sich so als Mensch in Christus zu verstehen, das geht nur über eine existentielle, das meint ‚mystische’ Aneignung, die ein Leben lang währt.
Luthers mystische Versenkung, die er im Kloster, hier im Erfurter Kloster, bei seinem Beichtvater Johannes Staupitz gelernt hatte, meditierte nicht etwas Theoretisches oder „Absolutes“, sie meditierte vielmehr etwas höchst Konkretes: Das Bild des gekreuzigten Christus und die Worte der Heiligen Schrift, die allen zugänglich sind, welche lesen und schreiben können.
Hier begegnen wir auf Luther radikal-demokratischem Potential, das Auswirkungen auf unsere Kultur bis heute hat –auch wenn es nicht unmittelbar zur Demokratie geführt hat. Ich möchte diesem Potential noch ein wenig folgen. Es hilft uns, die Ausgangsfrage weiter zu bearbeiten: Inwiefern fließen aus dieser nüchternen Mystik Martin Luthers Kräfte, welche helfen können, in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft das menschliche Maß und die Menschlichkeit des Menschen zu stärken?
Die Antwort lautet: Durch Bildung. Durch eine Bildung, die Bildung zu Menschlichkeit als Ebenbildlichkeit Gottes ist, durch eine Bildung zu Mitmenschlichkeit. Und solche Bildung gebührt jedem und jeder.

III. Luthers Katechismen als Elementarisierung – gegen die Entfremdung von „Elite“ und „Volk“
Als Martin Luther 1529 den Großen und den Kleinen Katechismus veröffentlichte, rümpfte ein Teil der damaligen Elite die Nase. Was soll das Volk mit einer verdichteten Auslegung der Zehn Gebote, des Glaubensbekenntnisses, des Vaterunser, und der Sakramente Taufe, Abendmahl und Beichte? Wird solch eine Popularisierung den hohen Geheimnissen des Glaubens gerecht? Wird hier die Simplifizierung übertrieben?
In der Vorrede zum Großen Katechismus beklagt sich der Reformator über das „schändliche Laster … der Sicherheit und [des] Überdruß[es], dass viele meinen, der Katechismus sei eine schlichte geringe Lehre welche sie mit einem Mal überlesen und denn also bald alles können, das Buch in Winkel werfen und gleichsam sich schämen, mehr drinnen zu lesen.“
Wir wissen, wie die Geschichte weiterging: Die Reformatoren ließen sich – Gott sei Dank – nicht beirren. Sie hielten fest an dem Anspruch, dass jede Frau, jeder Mann und jedes Kind im Volk ein eigenes Verständnis des Glaubens für das eigene Leben und Sterben erwerben müsse. Luthers Bibelübersetzung und seine Katechismen initiierten eine Bildungsrevolution. Allgemeine Schulen wurden gegründet – für Jungen und Mädchen. Luther „mobilisiert … die gesellschaftlichen Verantwortungsträger, mahnt sie, den evangelischen Glauben mittels des Katechismus >in die Leute, sonderlich in das junge Volk zu bringen< und damit ihrer Verantwortung … gerecht zu werden. Die Mündigkeit des Christenmenschen in Sachen Glauben erklärt Luther zum bildungspragmatischen Grundsatzprogramm der Reformation.“
Luther war nicht naiv. Er wusste, für was für ein anspruchsvolles, auch schweres Vorhaben er hier eintrat:
• Bildung statt Demagogie;
• eigenes Nachdenken über den Bibeltext und das eigene Leben an Stelle von klerikalem Paternalismus;
• Vertrauen auf die vermeintlich schwache Macht des Wortes an Stelle von Überwältigungsstrategien mit psychischer oder gar physischer Gewalt;
• kontrafaktisches Hoffen auf Gottes guten Geist bei dieser Bildungsanstrengung an Stelle von postfaktischer Flucht in Gefühle, in Gefühlsduselei und einfache Antworten.

Sie hören schon in diesen Formulierungen, wie aktuell, wie sprechend in unsere Tage hinein dieses Bildungsanliegen ist, geblieben ist.

Wir stehen an der Schwelle zum großen Jubiläumsjahr der Reformation und heute, im Jahr 2016 liegt mir sehr daran, an die Haltung zu erinnern, die hinter dieser reformatorischen Bildungsanstrengung liegt. Wir haben diese Haltung auch für unsere Gegenwart bitter nötig.
Natürlich gehörte Doktor Martin Luther auch zur damaligen Elite. Doch aus seiner reformatorischen Grunderkenntnis entsprang für ihn ein Gedanke, der das mittelalterliche Kastenwesen mit seinen festgefügten Ständen und Hierarchien für immer verändern sollte: Der Unterschied zwischen dem Kurfürsten und der Magd auf der Gasse ist nur funktional. Ihrer Würde nach als Geschöpfe Gottes sind beide gleich. Es gibt keinen Grund, das Volk, die Menschen aus dem Volk zu verachten. Ja, es ist anstrengend, gesellschaftliche Probleme mit Argumentieren und mit konstruktivem Streit zu bearbeiten … Was sollte die Alternative sein: „Brot und Spiele“? Der „starke Mann“? Wir spüren: Diese Fragen sind leider nicht nur rhetorisch.
Wir leiden darunter, dass Menschen „Wir sind das Volk“ rufen und wir den Eindruck haben, sie meinen „Nur wir hier sind das Volk – und ihr anderen nicht.“
Es hat mich beeindruckt, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel unlängst bei Anne Will darauf bestanden hat, dass sie – und andere Menschen in politischer Verantwortung in unserem Land – natürlich auch zum „Volk“ gehören – was denn sonst?
Und gleichzeitig gilt hier, nicht vorschnell zu beschwichtigen, wenn es eine tiefe Kluft zwischen Volk und sog. Establishment zu geben scheint.
Hier die Mühe und Anstrengung auf sich zu nehmen, die es braucht, um Menschen mit der Kraft der guten Argumente zu gewinnen, ist 2016 mindestens genauso wichtig wie 1529.
Dabei geht es mir nicht um ein überdifferenziertes Wort-Geschwurbel, wenn klare Kante und eine menschliche Haltung gefragt sind! Allerdings kommt es genau dabei ja darauf an, nun den Spieß gewissermaßen nicht umzudrehen: Nicht nur wir sind das Volk, sondern auch die Anderen, deren extremistischen Meinungen wir nicht teilen! Bei Martin Luther können wir die Unterscheidung lernen zwischen demagogischer Simplifizierung und konstruktiver Elementarisierung und Differenzierung. Für ihn war kein Mensch – auch der größte Sünder nicht – von vornherein abgeschrieben. Niemand darf verachtet werden – auch wenn er selbst die Menschlichkeit mit Füßen tritt. Wir dürfen Hass nicht mit Hass und Ausgrenzung nicht mit Ausgrenzung beantworten – sonst tragen wir selbst zur gesellschaftlichen Spaltung bei.

Die Kraft zu solcher Differenzierung zog Martin Luther aus dem Evangelium: Kein Mensch ist einfach mit seinen bösen Taten identisch. Vielmehr liegen auf jedem Menschen der Anspruch und die Verheißung, ein menschlicher Mensch zu werden. Ein Mensch, der eingebunden ist in ein Netz aus Beziehungen mit Gott, mit meinen Mitmenschen, mit mir selbst.

Martin Luther kann dies anschaulich formulieren – und fasst damit die ganze christliche Lehre zusammen „... in den zwei Stücken Glauben und Lieben, durch welche der Mensch zwischen Gott und seinem Nächsten gesetzt wird als ein Mittel, das da von oben empfängt und unten wieder ausgibt und gleichsam ein Gefäß oder Rohr wird, durch welches der Brunn göttlicher Güter ohne Unterlass fließen soll in andere Leute. Siehe, das sind dann recht gottförmige Menschen, welche von Gott empfangen alles, was er hat, in Christo, und wiederum sich auch, als wären sie der andern Gotte (Erläuterung: das ist ein Plural, eben nicht „Götter“), mit Wohltaten erweisen. Da geht dann der Spruch Ps. 82,6: Ich habe gesagt, ihr seid Götter und Kinder des Allerhöchsten allesamt. Gottes Kinder sind wir durch den Glauben (..., aber) Gotte sind wir durch die Liebe, die uns gegen unsern Nächsten wohltätig macht.“
Nur in diesem Beziehungsgeflecht, das macht das Bild deutlich, nur in diesem Beziehungsgeflecht kann der Mensch ein menschlicher sein und ein mitmenschlicher, einer, der Gott Gott und sich selbst Mensch sein lässt.
Und in diesem Beziehungsgeflecht bleibend, kann er nicht totalitär werden.

Luther vermochte es, im Katechismus auf wenigen Dutzend Seiten solch komplexe Dinge so zur Sprache zu bringen, dass ihm jede Frau und jeder Mann im Volk folgen konnte.
Nüchtern-mystisch hat er formuliert: „Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält ...“ . Das sollte jeder und jede sich aneignen, und wissen: es geht um mich. Gott meint auch mit. Gott hat auch mich im Blick. Ich bin wer.
Für die meisten Konfirmandinnen und Konfirmanden scheinen das zu viele Sätze heute zu sein.
Wenn es darauf ankam, konnte Luther auch in einem einzigen Satz verdichten, was der Kern der Nuss ist: „Wir sollen menschen vnd nicht Gott sein. Das ist die summa.“

Solch Elementarisierung, gar noch sprachschöpferische Elementarisierung, brauchen wir auch für unsere Gegenwart.
Auch wenn es so ist, dass der Glaube an Gott in unserer Zeit und Region fast verloren ist und dass der Glaube an den Menschen unangefochten ist, ja, dass er wächst und wächst: Gerade deshalb brauchen wir neue Zugänge zum Glauben, brauchen wir Elementarisierungen, die Menschen zur Freiheit führen, zu Freiheit in Verantwortung, zu Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit.
Deshalb spricht mich Hannah Arendts Gedicht so an. Darin nimmt sie Abschied von einem idealen, idealistisch überhöhten Menschenbild und bejaht den nüchternen Blick:

„Nüchtern-mystisch, mystisch-nüchtern,
Anders ist es nicht zu machen:
Darum ist dein Wissen schüchtern,
Deine Schüchternheit dein Wachen.“

Solche Schüchternheit und Wachsamkeit sind nötig, in einer Welt, in der die Menschen sich etwas vormachen, indem sie nur auf Stärke i. S. von Unabhängigkeit, Freiheit von Bindung setzen. Genau das macht unmenschlich. Das überfordert unsere Kräfte und macht hart.
Wir sind gefragt in unserer Wachsamkeit, wenn das Miteinander in unserer Gesellschaft immer unbarmherziger wird; wenn alles gelingen muss; wenn wir alles im Griff haben müssen. Wehe, es geht etwas schief. Wehe, die Politiker können nicht für Sicherheit sorgen. Wehe, die Menschen bekommen zu viel Angst! Wehe, jemand sagt, wir müssen uns ändern, so geht das nicht weiter mit unserem Konsum, unserer Verschwendung. Wer so spricht, ist in Gefahr, bei der nächsten Wahl einen Denkzettel zu bekommen.
In all dem würde sich ja Schwäche zeigen. Und das passt nicht zu unserem Welt- und Menschenbild.
Ja, eine perfekte Welt mit perfekten Menschen, das sind Bilder, die in unserer Gesellschaft leitend sind. Stark. Erfolgreich. Immer eine Lösung wissen.
Und dabei erlebt jeder und jede:
So bin ich nicht.
So sind die anderen nicht.
So ist die Welt nicht.
Vielmehr: Es gibt keine absolute Sicherheit.
Vielmehr: Wir sind eingebunden in ein feines Beziehungsgeflecht von Gott zu unseren Mitmenschen und unseren Mitgeschöpfen. In diesem Beziehungsgeflecht, da können wir sehr wohl Verantwortung übernehmen, nüchtern und wachsam, „nüchtern-mystisch, mystisch-nüchtern“.

Wenn Sie jetzt heute Abend denken: ‚ganz schön schwierig und anspruchsvoll’, dann haben Sie recht. Ja, so leicht ist Luther nicht zu ‚haben’. Das mache uns wachsam, gerade im Jubiläumsjahr!

So wünsche ich uns allen, dass wir im begonnenen Reformationsjubiläumsjahr solches Wachen und Verantworten stärken, nüchtern und mystisch; bei uns selbst, in unserem Miteinander, in unserer Selbstbegrenzung. Das helfe uns zur Umkehr.
Es helfe uns zu einer Umkehr vom herrschenden Perfektions- und Optimierungswahn mit seinen ausbeuterischen und zerstörerischen Kehrseiten und -folgen, hin zu einem menschlichen Maß. Das helfe uns zu einem beherzten Ja zu Gott, der mich freundlich von Selbstvergötterung befreit, zu einem Ja zu Grenzen, zu Fehlern, zu Genügsamkeit, zu einem Ja zum Recht auf ein auskömmliches Leben meiner Mitmenschen.

Denn:
„Wir sollen menschen vnd nicht Gott sein. Das ist die summa."

Vielen Dank für Ihre Aufmerksam




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