Corona: Thüringen setzt mehr auf Eigenverantwortung | Bei der Eindämmung des Coronavirus treten in Thüringen Empfehlungen an die Stelle von Verboten

Erfurt (epd). Thüringen vollzieht bei der Eindämmung des Coronavirus den Systemwechsel.

Mit der von Samstag an geltenden neuen Landesverordnung treten weitgehend Empfehlungen an die Stelle der bisherigen Verbote, sagte Sozialministerin Heike Werner (Linke) am Dienstag in Erfurt. Mit der wiedergewonnenen Freiheit gehe eine größere Verantwortung für den Einzelnen einher, fügte sie hinzu. Zugleich kündigte Bildungsminister Helmut Holter (Linke) die Öffnung der Kindertagesstätten und Grundschulen zum 15. Juni an.

Eine rechtlich verbindliche Kontaktbeschränkung entfalle. Polizei und Ordnungsämter würden nicht länger kontrollieren, ob Gruppen aus zwei, drei oder vier Haushalten bestehen würden. Private Feiern wie Geburtstage oder Hochzeiten seien wieder möglich. Ab einer bestimmten Personenzahl (mehr als 30 in geschlossenen Räumen und über 75 unter freiem Himmel) muss laut Werner die Veranstaltung jedoch mindestens 48 Stunden im Voraus beim Landkreis oder der kreisfreien Stadt gemeldet werden. Grundsätzlich gelte: "Es sind immer geeignete Infektionsschutzvorkehrungen zu treffen sowie im Infektionsfall eine mögliche Kontaktverfolgung sicherzustellen", unterstrich sie.

Jeder müsse vor dem Hintergrund der umfänglichen Lockerungen nun seinen Teil zum Infektionsschutz beitragen, sagte Werner. Das Virus sei nach wie vor da und bleibe gefährlich. "Es gibt weder ein spezifisches Medikament noch einen Impfstoff. Vor einer Ansteckung kann man sich nur durch Achtsamkeit schützen", appellierte die Ministerin an die Thüringer. Es werde allen Menschen geraten, die physisch-sozialen Kontakte zu anderen Personen möglichst gering zu halten.

Als Empfehlung gelte, sich nur mit Angehörigen eines weiteren Haushalts oder mit nicht mehr als zehn sonstigen Personen zu treffen. Der Personenkreis, mit dem man sich regelmäßig treffe, sollte möglichst konstant bleiben, damit Infektionsketten besser nachvollzogen werden könnten, so die Linken-Politikerin. Der Mindestabstand von 1,5 Metern solle "wo immer möglich und zumutbar" weiter eingehalten und ein Mund-Nasen-Schutz in öffentlichen Einrichtungen und in Bussen und Bahnen getragen werden.

Kritik an der geplanten Öffnung der Grundschulen kommt vom Lehrerverband tlv. Man sei nach wie vor vehement dagegen, dass die Grundschulen und Kindertagesstätten die einzigen Orte seien, an denen von Berufstätigen verlangt werde, täglich ohne Schutz mit vielen Menschen über lange Zeit in einem geschlossenen Raum zu sein, kritisierte der Vorsitzende Ralf Busch. Bildungsminister Holter rechne im Grund damit, dass es Infektionen geben werde. "Damit nimmt das Ministerium als Dienstherr der in der Schule Beschäftigten zumindest billigend in Kauf, dass Kollegen sich infizieren", sagte Busch.

Dagegen erklärte die oppositionelle CDU, die Lockerung an Kindergärten und Grundschulen sei für die Eltern ein längst überfälliger Schritt zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. "Leider hat die Landesregierung mit diesem späten Richtungswechsel wertvolle Zeit verstreichen lassen", sagte Landtagsfraktions-Vize Christian Tischner.



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